Warum mache ich unscharfe Fotos?

Gedanken zur Camera obscura Porträtfotografie

Im Laufe der Jahre, in denen ich mich mit der Lochkamerafotografie beschäftige, fasziniert mich zunehmend die Erkenntnis, dass die entstehenden unscharfen Bilder symbolhaft für das Leben selbst stehen können. Es lässt sich ebenfalls in vielen Bereichen nicht ganz scharf darstellen. Wie oft sehnen wir uns danach, unsere Lebensumstände klar zu definieren und fühlen uns unwohl, wenn es nicht gelingt?
Hin und wieder sind Erfahrungen, Erinnerungen und insbesondere unsere Gefühle aber nun einmal unscharf. Das auszuhalten fällt mir schwer. Deshalb empfinde ich die fotografische Wiedergabe unseres Lebens mit der Camera obscura als eine Bereicherung. Sie akzeptiert die Unmöglichkeit einer scharfen Abbildung des von uns Erlebten, ja, sie repräsentiert sie geradezu. Sie lässt Zwischentöne und die gelungene Halbheit zu. Auch der Teilerfolg oder der Kompromiss können durchaus eine befriedigende Erfahrung sein. Davon wollen meine Fotos auf ihre Weise erzählen. Sie zeigen, dass niemand von uns perfekt sein kann und muss. Die Akzeptanz der Unschärfe ist möglicherweise für unser Leben selbst notwendig. Vielleicht lässt gerade sie uns Mensch sein.

04.12.2015